Donnerstag, 8. Februar 2018

Kitchen-Memories: Wie ich zum Koch-Hippie wurde...




Ich gehörte noch zu der Generation in deren Kindheit im Haushalt Mikrowellen-Küche und Tupperware absolut im Trend waren. Bei uns Zuhause lagen immer die Kataloge unterschiedlicher Tiefkühlkosthersteller rum. Es gab viel Gemüse in Dosen und die Tiefkühltruhe war so groß wie ein ganzer Vorratsschrank. Richtig gekocht wurde unter der Woche fast nie, meist nur aufgetaut. Wir waren ein 4 Generationen-Haus. Es musste schnell gehen für alle, Zeit für Genuss war meist nur an den Feiertagen.

Irgendwie war es schon erschreckend, dass es in anderen Haushalten nicht anders ausgesehen hat. Wer noch an Ofen und Herd werkelte, galt als Altmodisch. Die Mikrowelle war einfach das Must-have schlechthin.

Irgendwie kommt der Trend zum Küchenwundergerät ja jetzt wieder, nachdem alle modernen Hausfrauen mit einem Multifunktionskocher im Wert von mehreren Tausend Euro ihre Mahlzeiten zubereiten, bleibt der Herd auch kalt. 

Und irgendwie schwärmte meine Generation niemals von der Küche unserer Mütter. Nein, wir schwärmten und der typischen Großmutter-Küche. Da kochte frau noch traditionell. Klaro, gab ja nix anderes. Hätte sie eine Alternative gehabt, wäre das auch anders gewesen. Kochen für so viele Personen ist auch Arbeit.

Und das mochte ich am Liebsten?
Fein gekochte Kartoffeln mit Spinat und Spiegelei. Das sind bis heute meine absoluten Favorites.

Vollkorn war Hippie-Food

Die Elternhäuser, die ihre armen Kinder zwangen Vollkornkost zu futtern, waren als typische Hippie-Familien verschrien.

In der Schule tauschten wir heimlich unsere Pausenbrote mit den "Hippie-Kids", wir waren neugierig, die anderen dankbar.

Um ehrlich zu sein, schmeckten diese Vollkorn-Verbrechen überhaupt nicht, denn irgendwie war es damals Trend ganze Getreidekörner irgendwie zu verpantschen. Und leider hatten hatten die Öko-Muttis zum Teil keine Ahnung, wie man mit Vollkorn richtig backt und kocht. Das war dann so schwer verdaulich, dass man das Gefühl hatte man würde Backsteine sch.... ähm, ihr wisst schon, was ich meine.

Viele dieser Alternativen haben nach einer gewissen Zeit auch wieder ihre Küche umgestellt. Zum einen weil Reformhauskost unglaublich teuer war (und immer noch ist) und weil die ganze Familie Magenprobleme hatte. 


Was der Lehrplan hergibt, das wird auch gekocht - aber bloß nicht alternativ


Weiter ging es in der Schule. Ich darf mich noch zur Generation Hauswirtschaft zählen. Das heißt, ich hatte tatsächlich noch Hauswirtschaft als Unterrichts- und Prüfungsfach.

Damals waren die Lehrer tatsächlich der Meinung, dass wenn man nicht gut in Mathe war, dass man keine zweite Sprache lernen durfte - und so wurde ich in das Hauswirtschaftsfach gesteckt, anstatt in Französisch zu gehen.

Der Lehrplan war veraltet, auch wenn das Fach dann 2 Jahre später in "Mensch und Umwelt" umbenannt wurde.

Vollkorn war dort ebenfalls nicht im Lehrplan vorgesehen. Ernährungspyramide war zwar gegeben, aber den wirklichen Umgang mit Zutaten, Gewürzen, das Kombinieren von Speisen, das war überhaupt nicht vorgesehen. Gesunde Ernährung war zwar immer im Lehrbuch, doch der Lehrplan war Weißmehl- und Fleischlastig.

Ich empfand das Ganze als ganz furchtbar eintönig und die extreme Einschränkungen der eigenen Kreativität in der Küche nahmen dem ganzen schlicht die Freude und den Spaß.

Stressig war die Prüfung, die ähnlich einer professionellen Kochprüfung in einem Gourmet-Restaurant ablief- mir kam das damals zumindest so vor. Es hat mich furchtbar gestresst. Ich durfte alle bisher gekochten Rezepte auswendig lernen und musste sie zuhause nachkochen und mir einprägen. Sehr zur Freude oder zum Leid meiner Familie zuhause. Am Prüfungstag entschied das Los dann über das Rezept was ich kochen sollte. Es war der blanke Horror.

Und ich hatte tatsächlich auf meinem Zettel stehen:
Zwiebel-Bohnensalat als Vorspeise und als Hauptspeise süße Windbeutel mit Milchcremefüllung.

Das wurde tatsächlich als Menü vorgegeben, was von den Prüfern auch in Kombination verkostet wurde.

Die Prüfungs-Rezepte hatte meine Lehrerin selbst zusammengestellt. Ich denke, ich muss euch nicht sagen, dass diese Kombination das Ekligste war, was ich jemals gezwungen war zu kochen. Es war sozusagen der Supergau aller Speisen-Kombis.

Mein Kochergebnis war zufriedenstellend, vor allem die Windbeutel waren damals für mich kniffelig, da habe ich ziemlich geschwitzt. Der Bohnensalat war Routine, viel falsch machen konnte man an Dosenbohnen mit Zwiebel und Essig nicht wirklich.

Aber ich wurde hauptsächlich an der Verkostung gemessen. Das war mein Untergang. So eklig die Kombination war, genauso eklig schmeckte es auch. Und so niederschmetternd war die Note.

Aber so ist das nun mal. Kochen nach Lehrplan. Und für mich war nach der Schule klar: ich hasste das Kochen und ich hatte kein Talent dafür.

Aber aus irgendeinem Grund behielt ich unser damaliges Kochlehrbuch. Das hätte mir zu denken geben müssen....


Und so wurde ein Koch-Hippie geboren...

Meine Abneigung gegen das Kochen wurde Jahre später von meiner Neugier überrannt. Ich reiste viel, kam mit unterschiedlicher fremdländischer Küche in Kontakt und kaufte auf einmal Kochbücher.

Das wäre mir Jahre vorher niemals nie nicht im Traum eingefallen. Ich begann mit dem Backen und interessierte mich vermehrt für Traditionsküche und altem Handwerk. Das Internet tat sein Übriges und meine Neugier wuchs mehr und mehr.

Mit der Geburt meines Sohnes hat sich dann viel verändert. Plötzlich Mama war ich anders in der Küche gefordert und ich begann endlich richtig zu kochen - und zwar so, wie ich mir das vorstellte  - und es war toll.

Ein Koch-Hippie wurde geboren...

Ich liebe Vollkorn, ich liebe Gewürze und ich liebe verrückte Kombinationen. Ich liebe fremdländische Küche. Aber alles mit Respekt zum Lebensmittel - und zum Wohle aller Mitesser. Und Kochen soll Spaß machen.

Natürlich sind fails immer vorprogrammiert, die sind auch absolut notwendig, sonst gibt es keine Weiterentwicklung. Deswegen kann es schon sein, dass ich eine Kochidee verwirkliche, meine Familie aber sagt, dass es nicht deren Geschmack ist. So kann es passieren.

Ich müsste lügen, wenn ich manchmal nicht doch etwas enttäuscht wäre, aber danach geht´s munter weiter.

Bei uns Zuhause zelebrieren wir das Kochen immer als Entdeckungsreise. Mein Mann findet was und probiert aus, ich finde dazu noch was Passendes und wir können unsere Idee sammeln und erweitern.
Das macht uns unglaublich viel Spaß und am Liebsten plaudern wir über´s Essen.

Wir sind eben Koch-Hippies durch und durch... Peace, Leute!

Und Du? Bist Du auch schon ein happy Koch-Hippie?

pic von marinabh, fotolia

Kommentare:

  1. Danke für deine schöne Geschichte! Das ist total lustig, wie unterschiedlich wir da aufwachsen. Mit einem was das Essen angeht recht französischem Papa hatte Essen und Kochen einen sehr hohen Stellenwert und Kochen war keineswegs Frauensache. Ob Vollkorn, exotische Früchte oder das was damals so als Trendfood gehypt wurde, es kam alles mal zum Testen auf den Tisch, was nicht heißt, dass die Klassiker deswegen hinten runterfielen. Sehr entsetzt war ich dann zu Studienzeiten, als ich entdeckte, dass es Menschen gibt, die ohne Kräuter, frisches Gemüse und Olivenöl kochen oder noch schlimmer gar nicht kochen können. Ich bin wirklich froh, dass ich die Liebe zu gutem selbstgekochtem Essen und die Freude an Kochexperimenten schon von Zuhause mitbekommen habe, aber man kann sich das so wie du auch aneignen. Und was manche gegen Vollkorn haben, verstehe ich gar nicht. Man muss es nur lecker zubereiten ;-)

    Liebe Grüße,
    Mirjam

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    1. Hallo Mirijam, also, ich hätte sehr gerne eine Gourmet-Familie gehabt. Mein Dad ist ein Wurstbrot-Typ... und mag gerne Grillfleisch :) Das war es aber auch schon. Ich kann Deinen Kulturschock sehr gut verstehen, wenn Du anderes gewohnt warst. War sicher manchmal ganz schön krass. Liebe Grüße Isabella

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